Diesen Redebeitrag hielten wir auf der Kundgebung des Kollektivs „IfS dichtmachen“ am 25. Januar 2026:
Über die extreme Rechte und ihr vermeintlich ambivalentes Verhältnis zum Antisemitismus
In der öffentlichen Debatte werden extreme Rechte abseits des klassischen Neonazismus – allen voran die AfD, häufig als „islamkritisch“, „migrationskritisch“ oder „elitenkritisch“ bezeichnet. Sie werden als irgendwie fehlgeleitete, aber doch nachvollziehbare, im Kern rational motivierte Reaktion auf Entwicklungen der Gesellschaft wie vermeintlich „übermäßige“ Migration, Globalisierung und neoliberale Malträtierung Lohnabhängiger dargestellt. Diese Debatten zeigen deutlich, dass hier das theoretische Verständnis fehlt, um die wesentlichen Elemente der extremen und populistischen Rechten wie Autoritarismus, Antiliberalismus, Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus bzw. patriarchale Geschlechtervorstellungen und die dahinter liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu erkennen, kritisieren und bekämpfen zu können. Es wird heruntergespielt, psychologisiert oder wie bereits erwähnt rationalisiert, indem z.B. auf ökonomische Motive verwiesen wird.
Wir wollen uns heute in diesem Beitrag dem Antisemitismus der extremen Rechten und seinen vermeintlichen Widersprüchen, die keine sind, widmen und zeigen, warum Antisemitismus weiterhin im Zentrum extrem rechter Ideologie steht.
Zentral für die rechte Agitation ist immer ihre strikte Ablehnung der liberalen Moderne. Von ihr ausgemachte gesellschaftliche Phänomene wie die vermeintliche Islamisierung der westlichen Welt werden als Symptome eben dieser liberalen Moderne verstanden. Die universalistischen Werte, die die Moderne auch brachte, sind es, die die eigene „ethnokulturelle Identität“ angreifen. Hier kommen wir zur Relevanz des Antisemitismus in dieser extrem rechten Weltanschauung, denn der Antisemitismus war von Beginn an eine antimoderne Ideologie. Der Antisemitismus brachte allen, die die aufkommende Moderne ablehnten, ein Deutungsangebot, um unverstandene Ambivalenzen und Verwerfungen auf Jüdinnen und Juden projizieren zu können.
Schon Ernst Jünger, Vordenker der konservativen Revolution in der Weimarer Republik, machte die Juden als „zentrale Figur der liberalen Moderne“ aus. In die gleiche Kerbe schlägt Ernst Nolte in einem Interview in der Sezession von 2015, in welchem er Jüdinnen und Juden „eine wesentliche und positive Rolle bei der Heraufkunft von ‚Neuzeit‘ und ‚Modernität'“ zuschreibt, wegen ihrer Verbindung zu „Rationalismus, der Beziehung zum Geld und zur ‚Rechenhaftigkeit'“. Diese angeblich bedeutsame und einzigartige Rolle der Jüdinnen und Juden in der Weltgeschichte wird dabei stehts mit einer Portion neidischer Bewunderung serviert. Und auch in einem Beitrag von 2016 ist man sich in der Sezession der Existenz eines „weltweit hervorragend aufgestellten Judentums“ sicher. Jüdinnen und Juden werden von den sogenannten neuen Rechten klassisch antisemitisch als etwas eigentümliches beschrieben, es wird gar vom „Sozialcharakter der Juden“ gesprochen. Diese Vorstellungen werden immer wieder mit pseudoempirischen Argumenten zu untermauern versucht. Das antisemitische Bild der Jüdinnen und Juden als wurzellos, kosmopolitisch und zersetzend findet sich z.B. auch in einem Beitrag von Siegfried Gerlich in der Sezession, in dem er den Gegensatz von Judentum und deutschen Geist betont: „einer idealtypischen Unterscheidung zufolge hebt das jüdische Denken auf ‚Entortung‘ ab und steht somit buchstäblich im Zeichen der ‚Utopie‘, wohingegen der deutsche Geist stets an den rechten ‚Ort‘ gebunden bleibt.“
Auch Erklärungsmuster aus dem rassistischen Antisemitismus finden sich in den Schriften der sogenannten neuen Rechten, beispielsweise wenn es heißt, die „Ostjuden“ hätten ihre „einseitige Züchtung auf Intelligenz mit besonders vielen Erbkrankheiten erkauft“. Ebenso treffen wir ein weiteres, antisemitisches Argumentationsmuster an, das besagt, Jüdinnen und Juden seien mit ihrem Verhalten selbst für den Antisemitismus verantwortlich. Denn wenn Jüdinnen und Juden als für die Moderne verantwortlich ausgemacht wurden, dann lässt sich die Shoa zu einer bloßen Reaktion bzw. Überreaktion auf eben jene Moderne und die mit ihr einhergehenden, radikalen Veränderungen umdeuten und relativieren.
Überhaupt kennen wir alle genügend Beispiele für sekundären, also Schuldabwehr-Antisemitismus von rechts. Das Beklagen angeblich einseitiger historischer Narrative bezüglich des Nationalsozialismus, das widerliche Wortungetüme wie „Holocaust-Industrie“, „Holocaust-Lobby“ oder „Holocaust-Zivilreligion“ hervorgebracht hat, ist hinlänglich bekannt. Dieser erinnerungsabwehrende Antisemitismus ist zentral für die geschönte Nationalerzählung der deutschen extremen Rechten, in der Auschwitz irgendwo zwischen Betriebsunfall und legitimem Abwehrkampf des Abendlandes verhandelt wird.
Wir sehen also, die sogenannte neue Rechte identifiziert Jüdinnen und Juden mit Universalismus, Kosmopolitismus und Modernität und damit mit allem, was man als Bedrohung für die „deutsche Identität“ wahrnimmt. Jüdinnen und Juden wird dabei keine andere, mit einer deutschen konkurrierende Identität zugeschrieben, sondern eine „Nicht-Identität“, die das Konzept einer ethnokulturellen Identität generell anzugreifen drohe.
Kommen wir nun zur Eingangs erwähnten Widersprüchlichkeit und schauen wir uns hierzu ein Beispiel aus der AfD an. Auch bei der AfD sind antisemitische Erzählungen allgegenwärtig. Es wird sich jedoch fast immer einer Umwegkommunikation bedient, auf offenem Antisemitismus liegt im deutschen Politikbetrieb – noch – ein relativ starkes Tabu. Natürlich richtet sich Antisemitismus in letzter Konsequenz immer gegen Jüdinnen und Juden. Da er im umfassenderen Sinn aber eine Welterklärung ist, kommt er über weite Strecken auch ohne ihre Benennung aus und kann sie vermeintlich sogar partiell in Schutz nehmen. Ein anschauliches Beispiel hierfür liefert der politische Aschermittwoch der bayerischen AfD 2023. Dort sagte die Co-Spitzenkandidatin zur Landtagswahl, die AfD mache „Politik fürs eigene Volk und arbeite nicht für die Globalisten und Finanzeliten, die mit dem Altparteien-Kartell den Great Reset verfolgen“. Als einige Tage später bekannt wurde, das ein Zuhörer aus dem Publikum bei der Veranstaltung den Ausruf „Wir werden von den Juden regiert“ tätigte und es zu entsprechenden Presseberichten kam, distanzierte sich der Landeschef der bayerischen AfD und bezeichnete den Zwischenruf als nicht hinnehmbar, schließlich sei die AfD die einzige Partei, die noch auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehe. Werden also die antisemitischen Anspielungen und Welterklärungsmuster oder die Relativierungen des Nationalsozialismus, die Vertreter*innen der AfD regelmäßig äußern, von ihrem Publikum aufgegriffen und offen antisemitisch ausbuchstabiert, kann man sich von den Konsequenzen der eigenen Agitation distanzieren, ohne inhaltlich irgendetwas zurückzunehmen.
Noch ein paar Worte zum israelbezogenen Antisemitismus. Auch nach dem zweiten Weltkrieg ist die extreme Rechte in Deutschland weiter klar antizionistisch. Erst ab 2010 brachen Teile der extremen Rechten vordergründig mit dieser Tradition – Vertreter*innen der AfD stellten sich betont an die Seite Israels. Dies bedeutete aber keineswegs einen Bruch mit der antisemitischen Tradition. Vielmehr ist diese Wende Ausdruck eines funktional doppelt codierten Israelbilds in Teilen der sogenannten neuen Rechten. Doppelt in folgendem Sinne: Israel wird einerseits mit klassisch antisemitischen Projektionen in Verbindung gebracht. Es erscheint als mächtiger, einflussreicher, strafender Akteur „mit starker Lobby“ und somit mit aus antisemitischer Sicht klassisch „jüdischen“ Eigenschaften assoziiert. Gleichzeitig wird Israel von der extremen Rechten aber auch mit Eigenschaften in Verbindung gebracht, die dem antisemitischen Bild des Juden widersprechen würden: souverän, wehrhaft, nationalistisch und ethnisch homogen. Israel erfüllt für die extreme Rechte somit gleichzeitig die aus dem Antisemitismus bekannte Funktion des „Ausnahmejuden“ – oder wie es der österreichische Sozialwissenschaftler Bernd Marin nennt: Israelis erscheinen als „nicht-jüdische Juden“. Die falsche Vorstellung von Israel als ethnisch homogenem Staat und dessen Souveränität und Wehrhaftigkeit führen zum Wunsch, selber die gleiche vermeintliche Machtposition einnehmen zu können. Ein Wunsch, der den realen Antisemitismus und dessen eliminatorisches Potenzial verharmlost. Dieses doppelt codierte Israelbild hat also weder etwas mit tatsächlicher Solidarität zu tun, noch markiert diese nach außen breitgetretene Abkehr vom Antizionismus bei Teilen der extremen Rechten einen Bruch mit ihrem eigenen Antisemitismus. Es wirkt vielmehr stabilisierend, die eigene antisemitische Weltanschauung bleibt unangetastet.
Abschließend möchten wir allen Danken, die heute in Schnellroda auf der Straße sind. Gegen die extreme Rechte, ihren Antisemitismus und gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, die diesen Antisemitismus hervorbringen.